Medikamentöse Behandlung bei SMA

Ein wichtiger Bestandteil der SMA-Therapie ist die medikamentöse Behandlung. Aktuell gibt es zwei zentrale Behandlungsansätze, um dem SMN-Proteinmangel entgegenzuwirken und seine Auswirkungen zu reduzieren: Spleiß-Modifikatoren und Gentherapie. Ergänzend können SMN-unabhängige Behandlungsansätze eingesetzt werden.

verified

Inhalte geprüft am 02.04.2026

emoji_objects
Zusammenfassung

Das Wichtigste auf einen Blick

Bei Spinaler Muskelatrophie (SMA) ist die Produktion von funktionsfähigem SMN-Protein vermindert, was Motoneuronen schädigen kann. Medikamente setzen entweder am SMN2-Gen an (Spleiß-Modifikatoren) oder ersetzen das defekte/fehlende SMN1-Gen (Gentherapie). Welche medikamentöse Behandlung infrage kommt, hängt von der individuellen Situation ab – insbesondere ist ein früher Therapiebeginn wichtig. Zusätzlich können SMN-unabhängige Maßnahmen die Behandlung sinnvoll ergänzen.

01 Ursachen von SMA

Was sind die genetischen Ursachen von SMA?

​​​​​​​​​​​​Spinale ​​​​​​​​​​​​Muskelatrophie entsteht durch Veränderungen im SMN1-​​​​​​​​​​​Gen, das entweder defekt ist oder vollständig fehlt. Dadurch wird nicht genügend funktionsfähiges Survival-of-Motoneuron-Protein (​​​​​​​​​​​SMN-​​​​​​​​​​​Protein) produziert. 1 Dieses Protein ist für das Überleben der ​​​​​​​​​​​Motoneuronen essenziell. 2 , 3 Der SMN-Mangel ist die Grundlage dafür, dass Therapien entweder die SMN-Proteinmenge erhöhen oder den Defekt genetisch beheben. 

Neben SMN1 existiert das SMN2-Gen, das ebenfalls SMN-Protein herstellen kann – jedoch deutlich weniger effizient (siehe Abb. 1). 4-6  

  • Das SMN2-Gen produziert nur etwa 10 Prozent funktionsfähiges Protein. 7

  • Die Anzahl der SMN2-Kopien variiert zwischen 1 und 6 pro Person. 5

  • Mehr SMN2-Kopien korrelieren oft mit einem milderen Krankheitsverlauf. 5 , 8

Der Mangel an SMN-Protein führt zum Absterben von Motoneuronen, die für die Signalübertragung vom Gehirn zu den Muskeln verantwortlich sind. Das verursacht typische SMA-Symptome wie Muskelschwäche und -atrophie. 5 , 8

02 Medikamentöse Therapieansätze bei SMA

Welche zugelassenen medikamentösen Therapien gibt es bei SMA?

Ohne Behandlung kann der SMN-Mangel dazu beitragen, dass Motoneuronen weiter geschädigt werden. Ziel der SMA-Behandlung ist es, das Absterben der Motoneuronen zu verhindern oder zu verlangsamen. Wichtig für Dich zu wissen: Je früher Deine Therapie beginnt, desto besser sind Deine Möglichkeiten auf einen selbstbestimmten Alltag.

Aktuell gibt es drei zugelassene SMA-Therapien. Hier geben wir Dir einen tabellarischen Überblick über die bisher zugelassenen SMA-Therapien. 9-11

 

Weitere Informationen zur medikamentösen Therapie von SMA findest Du bei der ​​​​​​​​​​​​DGM.

03 Spleiß-Modifikatoren

Wie wirken Spleiß-Modifikatoren bei SMA?

Beim SMN2-Gen kann ein Abschnitt mit wichtiger Information (​​​​​​​​​​​​Exon 7) aus der ​​​​​​​​​​​​RNA herausgeschnitten werden. Dadurch entsteht instabiles SMN-Protein. 12 ​​​​​​​​​​​​Spleiß-Modifikatoren zielen darauf ab, beim SMN2-Gen das richtige Einfügen von Exon 7 während des ​​​​​​​​​​​​Spleißens sicherzustellen. Dadurch wird mehr voll funktionsfähiges SMN-Protein auch ohne das SMN1-Gen produziert (siehe Abb. 2). 9 , 11

Die mRNA ist eine Kopie der ​​​​​​​​​​​DNA und enthält genetische Informationen. Beim Spleißen werden nicht benötigte RNA-Abschnitte entfernt und die relevanten Teile wieder zusammengefügt – so entsteht die „Bauanleitung“ für ein Protein. Dieser Prozess findet in fast allen Zellen statt. 

Wie werden Spleiß-Modifikatoren verabreicht?

Spleiß-Modifikatoren haben nur eine zeitlich begrenzte Wirkung und müssen daher regelmäßig angewendet werden. Dabei gibt es folgende Verabreichungsformen: 

  • Täglich als Tablette oder – wenn notwendig – als in Wasser gelöste Tablette. 9  

  • Täglich als Saft oder – wenn notwendig – mithilfe einer Ernährungssonde. 9  

  • Alle vier Monate, ​​​​​​​​​​intrathekal mittels einer ​​​​​​​​​​​​Lumbalpunktion in den Hirnwasserraum am Rückenmark. 11  

emoji_objects

SMA-Spleiß-Modifikatoren zusammengefasst

 

Erhöhen die SMN-Proteinproduktion über das SMN2-Gen

 

Regelmäßige Anwendung erforderlich

 

Es gibt 2 verschiedene Therapieoptionen:

 

​​​​​​​​​​​- Small Molecules

- ASO (​​​​​​​​​​​​Antisense-Oligonukleotide)

 

Verabreichung:

 

- Täglich ​​​​​​​​​​​​oral (Tablette oder Saft)

- Alle vier Monate als intrathekale Injektion

 

Quellen 9 , 10

04 Die SMA-Gentherapie

Wie wirkt die SMA-Gentherapie bei SMA?

Bei SMA ist das SMN1-Gen defekt oder fehlt, sodass nicht genug funktionsfähiges SMN-Protein produziert wird. Ziel der ​​​​​​​​​​​​Gentherapie ist es, das defekte SMN1-Gen zu ersetzen, um die Produktion des SMN-Proteins wiederherzustellen. Eine intakte Kopie ersetzt das defekte SMN1-Gen und es kann ausreichend SMN-Protein hergestellt werden (siehe Abb. 3). 10

Dabei wird ein funktionierendes SMN1-Gen in einen viralen Vektor (häufig ein ​​​​​​​​​​​​Adeno-assoziiertes Virus, AAV) eingebaut. Das Virus ist modifiziert, damit es keine Krankheit verursacht. Es dient als „Transportmittel“, um das funktionierende SMN1-Gen in die Körperzellen zu bringen. 10

Wie wird die Gentherapie verabreicht?

Die Gentherapie wird einmalig intravenös gegeben und kommt für Betroffene mit bis zu drei SMN2-Kopien infrage. Wie lange die Wirkung anhält, ist noch nicht bekannt. Nach der Behandlung kann es zu Entzündungen verschiedener Organe, erhöhten Leberwerten und Erbrechen kommen. 10 Deswegen ist eine engmaschige Nachsorge wichtig. So bist du bestmöglich versorgt und Dein Behandlungsteam kann frühzeitig auf mögliche Nebenwirkungen reagieren.

emoji_objects

SMA-Gentherapie zusammengefasst

Einmalig intravenöse Verabreichung

 

Funktionsfähiges SMN1-Gen wird mithilfe eines Virus-Vektors eingeschleust

 

Ermöglicht die Produktion von ausreichend SMN-Protein

 

Geeignet für Betroffene mit bis zu 3 SMN2-Kopien

 

Quelle 10  

Wann sollte mit einer SMA-Therapie begonnen werden?

Beginn der SMA-Therapie

Bereits eingetretene Verluste an Motoneuronen können durch eine SMA-Therapie nicht wieder rückgängig gemacht werden. 13 Deswegen sollte nach der Diagnose durch das Neugeborenen-Screening umgehend die Behandlung eingeleitet werden, um ein weiteres Absterben von Motoneuronen zu verhindern. Da alle drei verfügbaren Therapieformen – Spleiß-Modifikatoren sowie die Gentherapie – bereits ab der Geburt zugelassen sind, steht die zeitnahe medikamentöse Versorgung im Vordergrund. 9-11

Sofern für die abschließende Wahl einer langfristigen Therapieform noch Beratungszeit benötigt wird, kann die Behandlung mit einem Spleiß-Modifikator sofort begonnen werden. 9 , 11 Dies ermöglicht es, ohne Zeitverlust den Schutz der Nervenzellen zu starten, und später gemeinsam mit dem Behandlungsteam in Ruhe zu entscheiden, welche Therapie langfristig am besten zur jeweiligen Lebenssituation passt. 

Wie wird die Therapie bei Spinaler Muskelatrophie individuell geplant?

Individuelle Therapie

Die S2k-Leitlinie der Gesellschaft für Neuropädiatrie „Diagnostik und Therapie der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie im Kindes- und Erwachsenenalter“ legt fest, dass für jede betroffene Person mit SMA die Behandlung und die Therapieziele individuell festgelegt werden. Sie richten sich nach Deiner persönlichen Situation (z. B. Alter sowie Dauer, Typ, Verlauf und Schwere der Erkrankung) und Deinen Bedürfnissen. 14 ​​​​​​​​​​​Gemeinsam mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt legst Du fest, welche Therapieziele Dir wichtig und realistisch erreichbar sind. Wichtig ist, dass Du offen über Wünsche und Sorgen sprichst, damit diese berücksichtigt werden können.

Weitere Informationen

Nützliche Links

  • Wie gut passt Deine aktuelle SMA-Therapie noch zu Deinem Leben, Deinem Alltag und Deinen Wünschen? Mach den Therapiecheck!
  • Informiere Dich darüber, warum Du Dir regelmäßig Fragen zur Therapieerwartung und zu den Therapiezielen Deiner SMA stellen solltest.
05 Multidisziplinärer Ansatz

Was gehört neben Medikamenten noch zur SMA-Behandlung?

SMA kann neben Muskeln auch andere Organe und Gewebe beeinträchtigen und gilt daher als ​​​​​​​​​​​Multiorgan-Erkrankung. 2 , 8 , 16-18 Das erfordert einen ​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​multidisziplinären Therapieansatz, bei dem Betroffene von einem Team verschiedener Expertinnen und Experten begleitet werden. 5 Neben der zielgerichteten medikamentösen Behandlung spielen auch ​​​​​​​​​​​nicht-medikamentöse Maßnahmen ​sowie ​​​​​​​​SMN-unabhängige Behandlungsansätze eine Rolle. 19 , 20 Beispielsweise können Skelettmuskulatur-schützende Behandlungen dazu beitragen, die Krankheitsprogression zu verlangsamen, um weitere, nicht unmittelbar mit SMA zusammenhängende Komplikationen zu vermeiden. 15

06 FAQ

Häufig gestellte Fragen

1. Welche Therapieoptionen gibt es bei SMA?

Zurzeit stehen für die Behandlung der SMA drei verschiedene medikamentöse Therapien mit zwei unterschiedlichen Wirkmechanismen und verschiedenartigen Verabreichungsformen zur Verfügung. Entweder ersetzen sie das defekte SMN1-Gen oder sie sorgen für eine höhere SMN-Protein-Produktion durch das SMN2-Gen. 9-11 Welche Therapie für Dich infrage kommt, besprichst Du am besten mit Deinem Behandlungsteam.

2. Muss ich mich sofort nach der SMA-Diagnose für eine Therapie entscheiden?

Nein, aber möglichst schnell, denn Zeit ist ein wichtiger Faktor, weil bereits eingetretene Motoneuronen-Verluste nicht rückgängig gemacht werden können. 13 Wenn Du Bedenkzeit brauchst, kann Dein Behandlungsteam mit Dir besprechen, ob eine Überbrückung bis zur endgültigen Entscheidung sinnvoll ist.

3. Woran merke ich, welche Therapie im Alltag besser zu mir passt?

Überlege vorab, was in Deinen Alltag (Unterstützung, Anfahrt, Routinen) realistisch integrierbar ist. Denn neben dem Wirkmechanismus ist auch die Verabreichungsform entscheidend.

4. Was sollte ich vor einem ärztlichen Gespräch vorbereiten?

Hilfreich sind Deine persönlichen Ziele (z. B. was sich verbessern oder stabil bleiben soll) und Fragen zu Ablauf, Kontrollen und möglicher Nachsorge. Notiere außerdem, welche Unterstützung Du im Alltag hast und was für Dich organisatorisch schwierig wäre – das macht die Planung konkreter. 14 14

5. Warum werden manchmal verschiedene Maßnahmen kombiniert?

Weil SMA mehr als nur die motorischen Funktionen betrifft und zusätzlich zur SMN-spezifischen Therapie weitere Ziele wichtig sind, wirst Du von einem multidisziplinären Team behandelt. Ergänzende Ansätze können helfen, Folgebelastungen zu reduzieren und die Versorgung insgesamt breiter abzusichern. 2 , 8 , 15-20 2,8,15-20

Inhaltlich geprüft am 04.06.2024: M-DE-00021090, Bildquelle: © BrianAJackson / iStock

Quellenverzeichnis

  1. Spinale Muskelatrophie. Broschüre der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e. V. (Stand: 10/2023)

  2. Chaytow H, et al. The role of survival motor neuron protein (SMN) in protein homeostasis. Cell Mol Life Sci 2018; 75:3877–3894

  3. Martinez TL et al. Survival Motor Neuron Protein in Motor Neurons Determines Synaptic Integrity in Spinal Muscular Atrophy. J Neurosci 2012; 32(25):8703–8715

  4. Wirth B et al. An update of the mutation spectrum of the survival motor neuron gene (SMN1) in autosomal recessive spinal muscular atrophy (SMA). Hum Mutat. 2000;15(3):228–237.

  5. Mercuri E et al. Diagnosis and management of spinal muscular atrophy: Part 1: Recommendations for diagnosis, rehabilitation, orthopedic and nutritional care. Neuromuscular Disord 2018; 28:103–115  

  6. Lorson CL et al. A single nucleotide in the SMN gene regulates splicing and is responsible for spinal muscular atrophy. PNAS. 1999;96:6307–6311.

  7. Bowerman M, et al. Therapeutic strategies for spinal muscular atrophy: SMN and beyond. Dis Model Mech 2017; 10:943-954

  8. Kolb SJ, Kissel JT. Spinal Muscular Atrophy. Neurol Clin. 2015;33:831–846.

  9. Fachinformation Risdiplam, Stand Juni 2025

  10. Fachinformation Onasemnogen Abeparvovec, Stand Dezember 2024

  11. Fachinformation Nusinersen, Stand Januar 2025

  12. Lefebvre S et al. Identification and characterization of a spinal muscular atrophy-determining gene. Cell. 1995;80:155–165.

  13. Gowda V et al. New treatments in spinal muscular atrophy. Arch Dis Child. 2023; 108(7):511–517

  14. S2k-Leitlinie: Gesellschaft für Neuropädiatrie. Diagnostik und Therapie der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie im Kindes- und Erwachsenenalter. Stand 12/2024 

  15. Parente V, Corti S. Advances in spinal muscular atrophy therapeutics. Ther Adv Neurol Disord. 2018; 11:1756285618754501

  16. Singh RN et al. Diverse role of survival motor neuron protein. Biochim Biophys Acta Gene Regul Mech. 2017;1860:299–315.

  17. Lauria F et al. SMN-primed ribosomes modulate the translation of transcripts related to spinal muscular atrophy. Nat Cell Biol. 2020; 22(10):1239–1251

  18. Hamilton G, Gillingwater TH. Spinal muscular atrophy: going beyond the motor neuron. Trends Mol Med 2013; 19:40–50

  19. Wirth B et al. Twenty-Five Years of Spinal Muscular Atrophy Research: From Phenotype to Genotype to Therapy, and What Comes Next. Annu Rev Genomics Hum Genet. 2020; 21:231–261

  20. Finkel RS et al. Diagnosis and management of spinal muscular atrophy: Part 2: Pulmonary and acute care; medications, supplements and immunizations; other organ systems; and ethics. Neuromuscular Disord 2018; 28(3):197–207