Diagnose SMA – Neugeborenen-Screening und erste Schritte

Wie kann festgestellt werden, ob ein Mensch von Spinaler Muskelatrophie betroffen ist? Hier erfährst Du, wie das Neugeborenen-Screening funktioniert, warum ein Gentest Gewissheit bringt und welche ersten Schritte nach der Diagnose wichtig sind.

emoji_objects
Zusammenfassung

Das Wichtigste auf einen Blick

In Deutschland kann SMA seit dem 1. Oktober 2021 im Neugeborenen-Screening früh erkannt werden. Ein molekulargenetischer Test bringt Gewissheit und hilft bei der Einordnung. Nach der Diagnose zählen die schnelle Überweisung in ein neuromuskuläres Zentrum, eine strukturierte Beratung und ein verständliches Gespräch über Therapieoptionen. Dieser Beitrag erklärt die wichtigsten Schritte – vom Screening bis zu den Gesprächen mit dem Behandlungsteam.

01 Diagnostik

Wie wird Spinale Muskelatrophie festgestellt?

SMA kann heute in Deutschland schon kurz nach der Geburt im Rahmen des Neugeborenen-Screenings erkannt werden. 1 Der Vorteil: Eine frühe Behandlung kann die Entwicklungsmöglichkeiten verbessern. Vor Einführung des Screenings wurde die Diagnose – je nach Verlauf – oft deutlich später gestellt, weil die Symptome nicht immer eindeutig sind. Zudem zählt SMA zu den seltenen Erkrankungen, was den Weg zur Diagnose erschweren kann. 2 , 3

Typische Anzeichen, die Aufmerksamkeit verdienen, sind Muskelschwäche und Muskelschwund (Atrophie). Je nach Ausprägung können jedoch auch andere Bereiche des Körpers betroffen sein. 4 Wenn Hinweise auf eine neuromuskuläre Erkrankung bestehen, sollte frühzeitig an SMA gedacht und eine Abklärung angestoßen werden.

02 Screening-Ablauf

Wie läuft das Neugeborenen-Screening für SMA ab?

Ärztinnen und Ärzte führen das Neugeborenen-Screening üblicherweise im Alter von 36 bis 72 Stunden durch. Dafür wird dem Baby etwas Blut entnommen, meist aus der Ferse, und auf ein Filterpapier getropft. Die getrocknete Probe wird an ein Labor geschickt und dort mit speziellen Methoden analysiert.
Ohne Screening sind manche Erkrankungen bei Neugeborenen zunächst nicht erkennbar, weil Symptome fehlen oder unspezifisch sind. Eine rechtzeitige Diagnose und ein früher Therapiebeginn können aber entscheidend sein, um Schäden zu vermeiden oder eine möglichst normale Entwicklung zu ermöglichen.
Das Ziel des Screenings ist es, bestimmte schwerwiegende, aber behandelbare Erkrankungen zu erkennen, bevor erste Symptome auftreten. Dazu gehören unter anderem Stoffwechselkrankheiten, Hormonstörungen und Immundefekte, die unbehandelt zu schweren Folgen führen können.
Das Neugeborenen-Screening ist nicht verpflichtend: Die Eltern stimmen nach einem Aufklärungsgespräch zu. Es ist auch möglich, nur auf bestimmte Erkrankungen testen zu lassen. Die Kosten übernimmt in der Regel die Krankenkasse.

03 Neugeborenen-Screening

Seit wann gehört SMA zum Neugeborenen-Screening?

Spinale Muskelatrophie ist seit dem 1. Oktober 2021 Teil des Neugeborenen-Screenings in Deutschland.1 Dadurch können viele Kinder mit SMA identifiziert werden, bevor Symptome auftreten. Eltern erhalten so früher Klarheit sowie schnellen Zugang zu Beratung und Behandlung für ihre Kinder.
Vor Einführung des Screenings konnte es deutlich länger dauern, bis die Diagnose feststand, weil die Symptome der Spinalen Muskelatrophie je nach Verlaufsform nicht immer eindeutig sind. Die Hauptsymptome sind Muskelschwäche und Muskelschwund. Zusätzlich können weitere Symptome auftreten.
 

So wurde SMA Teil des Neugeborenen-Screenings

Seit 2020 Teil des Programms

Die Aufnahme von SMA in das Neugeborenen-Screening war das Ergebnis eines mehrjährigen Prozesses, an dem die Patientenorganisation „Initiative SMA“ und die Cystinose Stiftung beteiligt waren. 
Nach einem Pilotprojekt und der anschließenden projektbasierten Weiterführung bewerteten G-BA und IQWiG den Nutzen der Früherkennung. Auf Basis dieser Prüfung beschloss der G-BA am 17.12.2020 die Aufnahme von SMA in das Neugeborenen-Screening. 5

  1. Januar 2018: Pilotprojekt in Bayern und NRW der Cystinose Stiftung (zusätzliche Testung auf Cystinose und SMA im Neugeborenen-Screening)
  2. August 2018: Antrag der Initiative SMA beim G-BA
  3. Januar 2018–Januar 2020: 297.163 untersuchte Proben, 43 SMA-Fälle identifiziert
  4. 17. Dezember 2020: G-BA-Beschluss zur Aufnahme (nach IQWiG-Prüfung)
  5. 01. Oktober 2021: Flächendeckender Start des Neugeborenen-Screenings in allen Geburtskliniken
04 Gentest

Was zeigt der Gentest bei Spinaler Muskelatrophie?

Die Diagnose einer 5q-assoziierten Spinalen Muskelatrophie (SMA) wird durch einen Gentest gesichert. Dieser Test kann entweder im Rahmen des Neugeborenen-Screenings erfolgen oder in einem späteren Lebensalter, wenn ein konkreter Verdacht auf SMA besteht.5,6 Beim Screening wird vor allem geprüft, ob beide Kopien des SMN1-Gens fehlen. Das ist bei etwa 95 Prozent der Menschen mit 5q-assoziierter SMA der Fall. 5 , 6 Seltenere Veränderungen im SMN1-Gen, zum Beispiel kleine Genveränderungen innerhalb des Gens, werden durch dieses erste Screening meist nicht erkannt. 5 , 6 Fällt das Screening auffällig aus, folgt deshalb ein Gentest als Bestätigungsuntersuchung. Diese sichert den Befund ab und bestimmt zusätzlich die Anzahl der SMN2-Kopien
Die Anzahl der SMN2-Kopien spielt eine Rolle bei der Bestimmung des SMA-Typs und ermöglicht eine Aussage über die vermutliche Schwere der Erkrankung. 7 Denn SMA verläuft nicht immer gleich. Zwar gibt es eine Einteilung in fünf unterschiedliche SMA-Typen, eine starre Abgrenzung existiert jedoch nicht. Am häufigsten kommt SMA Typ 1 mit etwa 60 Prozent der neu auftretenden Fälle vor, 8 am seltensten Typ 4, eine Form, die erst im Erwachsenenalter auftritt.
Laut aktueller S2k-Leitlinie ist die Anzahl der SMN2-Kopien eine wichtige Grundlage für die frühe Therapieentscheidung. 9

05 Diagnosezeitpunkt

Wann sollte SMA abgeklärt werden?

Wenn Eltern oder Ärztinnen und Ärzte bei einem Baby oder Kleinkind, bei dem das Neugeborenen-Screening nicht durchgeführt wurde, proximale Muskelschwäche oder Muskelschlaffheit (Hypotonie) sowie Schluckschwierigkeiten und Zwerchfellatmung bemerken, sollte die Verdachtsdiagnose SMA in Betracht gezogen werden. Das gilt auch für Jugendliche mit Hypotonie und proximaler Muskelschwäche.

Spezialisierte Zentren unterstützen Euch

Anlaufstellen

Bei Verdacht auf SMA oder einem auffälligen Neugeborenen-Screening erfolgt in der Regel eine direkte und umgehende Überweisung an ein spezialisiertes Neuromuskuläres Zentrum (NMZ) in der Nähe. Da für den Therapieerfolg jeder Tag zählt, ist eine frühzeitige Anbindung entscheidend. Sollte diese direkte Überweisung nicht reibungslos funktionieren, bieten Patientenorganisationen wie die DGM Unterstützung bei der Suche nach qualifizierten Zentren. Hilfreich sind hierfür das Adressverzeichnis oder die Übersichtskarte der DGM, um schnellstmöglich Kontakt zu Expertinnen und Experten aufzunehmen.
Wird SMA diagnostiziert, können Betroffene und Eltern verschiedene Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen bieten häufig Informationen, Orientierung und Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags.
 

07 Erste Schritte

Euer Kind hat SMA – was jetzt?

Steht die Diagnose SMA bei Eurem Kind fest, kommen zunächst oft viele Sorgen und Fragen auf. Schock, Ratlosigkeit oder Überforderung können Euch überwältigen. Das ist vollkommen verständlich, und Ihr dürft Euch Zeit geben, die Diagnose zu verarbeiten. Das Wichtigste, was Ihr jetzt wissen müsst: Ihr seid nicht allein und es gibt heute wirksame Behandlungsmöglichkeiten.

emoji_objects

Zwei Dinge sind jetzt entscheidend

 

Erstens: Zeit. Die Behandlung sollte so schnell wie möglich begonnen werden, idealerweise ab dem ersten Lebenstag, um den Schutz der wichtigen Nervenzellen – der Motoneuronen – sofort zu starten.

 

Zweitens: Es gibt Optionen. Die Forschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, und heute stehen verschiedene Behandlungswege bei SMA zur Verfügung.

08 Der Faktor Zeit

Warum zählt bei SMA jeder Tag nach der Diagnose?

Jeder Tag zählt, da das krankheitsbedingte Absterben der Motoneuronen unumkehrbar ist und bereits verlorene Nervenzellen nicht wiederhergestellt werden können. 

Ein schnellstmöglicher Therapiebeginn stoppt diesen Prozess frühzeitig, sichert den Erhalt lebenswichtiger Funktionen und ermöglicht so die bestmögliche motorische Entwicklung.

Die nächsten praktischen Schritte

Wegweiser

Auch wenn sich jetzt vielleicht alles noch überwältigend anfühlt: Die nächsten Schritte geben Euch Halt und Orientierung auf dem Weg, der nun vor Euch liegt.
Ein erster wichtiger Schritt ist der Termin im SMA-Zentrum. Eure Ärztin oder Euer Arzt wird Euch an ein spezialisiertes Zentrum überweisen. Diese Zentren sind auf die Diagnose und Behandlung von SMA geschult und können schnell handeln. Nehmt diesen Termin unbedingt wahr.
Ebenso wichtig ist es, Informationen zu sammeln. Eine gute Übersicht kann helfen, Wichtiges zu markieren und das Gespräch mit dem Behandlungsteam gezielt vorzubereiten.
Es geht nun darum, eine stabile Basis für die kontinuierliche Entwicklung Eures Kindes zu schaffen. Regelmäßige Gespräche mit dem Behandlungsteam sind dabei wichtig, um den Verlauf zu begleiten und sicherzustellen, dass die gewählte Therapie auch langfristig die bestmögliche Versorgung für Euer Kind gewährleistet – heute und in Zukunft.

Wo findet Ihr Unterstützung?

Unterstützung

Denkt daran: Ihr müsst diesen Weg nicht allein gehen. Organisationen wie die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke (DGM) e. V. bieten wertvolle Informationen und Beratung. Fragt im SMA-Zentrum auch aktiv nach psychosozialer Unterstützung.
Und schließlich: Erlaubt Euch, zu fühlen, was Ihr fühlt. Die Diagnose SMA ist ein Schock, Unterstützung im Freundes- und Familienkreis kann entlasten. Auch der Austausch mit anderen betroffenen Familien kann sehr wertvoll sein, wenn Ihr Euch dafür bereit fühlt. 

Bildquelle: © Cara Dolan / Stocksy.com

09 FAQ

Häufig gestellte Fragen

1. Was bedeutet ein positives Neugeborenen-Screening – und was passiert als Nächstes?

Ein positives Screening ist zunächst ein Hinweis, der weiter abgeklärt werden muss. Der nächste Schritt ist in der Regel die Bestätigung durch eine molekulargenetische Untersuchung und die schnelle Anbindung an ein spezialisiertes Zentrum.

2. Welcher Test bestätigt SMA sicher?

Die Diagnose wird durch einen Gentest gestellt, der prüft, ob das SMN1-Gen vorhanden, verändert oder fehlend ist. Zusätzlich kann die Anzahl der SMN2-Kopien bestimmt werden.

3. Kann SMA auch außerhalb des Neugeborenen-Screenings diagnostiziert werden?

Ja. Der Gentest kann auch bei älteren Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen durchgeführt werden, wenn ein Verdacht besteht.

4. Warum ist ein früher Therapiebeginn so wichtig – auch ohne Symptome?

Ziel ist es, Motoneuronen möglichst früh zu schützen. Sind Nervenzellen einmal verloren, können sie nicht wiederhergestellt werden – deshalb zählt die Zeit.

5. Was sollten wir zum Termin im neuromuskulären Zentrum mitbringen?

Hilfreich sind alle vorhandenen Befunde, eine Liste Eurer Fragen und – falls vorhanden – Notizen zu beobachteten Symptomen und Zeitpunkten.

6. Was bedeutet „präsymptomatisch“ genau?

Präsymptomatisch heißt: bevor erste Symptome auftreten. Der Begriff ist wichtig, weil ein früher Start der Behandlung die Entwicklungsmöglichkeiten verbessern kann.

7. Wo finden wir Unterstützung neben der medizinischen Behandlung?

Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen bieten Informationen, Austausch und oft auch Beratung. Fragt im Zentrum zusätzlich nach psychosozialen Angeboten.  

Quellenverzeichnis

  1. Webseite der Initiative SMA. Neugeborenen-Screening bei SMA. Screening auf SMA ist Teil des regulären Neugeborenen-Screenings - Initiative Forschung und Therapie für die Spinale Muskelatrophie (zuletzt abgerufen am 06.03.2026) 

  2. Webseite des Bundesministeriums für Gesundheit. Seltene Erkrankungen. Seltene Erkrankungen | BMG (zuletzt abgerufen am 06.03.2026)

  3. Spinale Muskelatrophien. Flyer der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e. V. (Stand: 10/2023). (zuletzt abgerufen am 06.03.2026)  

  4. Hamilton G, Gillingwater TH. Spinal muscular atrophy: going beyond the motor neuron. Trends Mol Med 2013; 19:40–50

  5. Gemeinsamer Bundesausschuss. Tragende Gründe zum Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses über eine Änderung der Kinder-Richtlinie: Neugeborenen-Screening auf 5q-assoziierte spinale Muskelatrophie (SMA). Stand 17. Dezember 2020. (zuletzt abgerufen am 06.03.2026) 

  6. Nishio H et al. Spinal Muscular Atrophy: The Past, Present, and Future of Diagnosis and Treatment. Int J Mol Sci. 2023; 24(15):11939

  7. Butchbach MER. Copy Number Variations in the Survival Motor Neuron Genes. Front Mol Biosci. 2016;3:7.

  8. Verhaart IEC et al. Prevalence, incidence and carrier frequency of 5q–linked spinal muscular atrophy – a literature review. Orphanet J Rare Dis 2017; 12:124

  9. Gesellschaft für Neuropädiatrie. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie im Kindes- und Erwachsenenalter. Stand 12/2024.