Krankheitsbild bei SMA

Welche SMA-Typen gibt es und wie unterscheiden sich die Krankheitsverläufe? Welche Muskeln sind von Spinaler Muskelatrophie betroffen und warum betrifft SMA auch Organe? Dies und viel weiteres Wissenswertes zum Krankheitsbild bei SMA erfährst Du hier.

Eine blaue Spielfigur steht in einem Holzlabyrinth
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Zusammenfassung

Das Wichtigste auf einen Blick

Die Spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine genetische Erkrankung, bei der Motoneuronen im Rückenmark zugrunde gehen und dadurch eine zunehmende Muskelschwäche entsteht. Klassisch wird SMA in die Typen 0 bis 4 eingeteilt, je nach Symptombeginn und motorischen Fähigkeiten. Moderne Therapien und das Neugeborenen-Screening haben jedoch dazu geführt, dass heute zusätzlich genetische Faktoren und der aktuelle Funktionsstatus berücksichtigt werden. Der Verlauf der Erkrankung kann sehr unterschiedlich sein und reicht von schweren Formen im Säuglingsalter bis zu milden Verläufen im Erwachsenenalter.

01 Formen der SMA

Welche unterschiedlichen SMA-Typen gibt es?

Die Spinale Muskelatrophie (SMA) wird traditionell in mehrere Typen eingeteilt. Diese Einteilung orientiert sich vor allem am Alter beim Auftreten der ersten Symptome und daran, welche motorischen Meilensteine erreicht werden, etwa selbstständig sitzen oder gehen. Dabei unterscheidet man klassischerweise die SMA-Typen 0 bis 4. Diese Typisierung hat sich über viele Jahre bewährt, weil sie den natürlichen Krankheitsverlauf gut beschreibt. 1

Mit der Einführung moderner Behandlungen, die direkt in den Krankheitsmechanismus eingreifen (krankheitsmodifizierende Therapien), hat sich die Situation jedoch verändert. Viele Patientinnen und Patienten erreichen heute motorische Fähigkeiten, die früher für ihren SMA-Typ ungewöhnlich gewesen wären. Außerdem führt das Neugeborenen-Screening dazu, dass manche Kinder bereits diagnostiziert werden, bevor überhaupt Symptome auftreten (präsymptomatisch). 2 Dadurch lässt sich der Krankheitsverlauf allein anhand der klassischen Typen nicht mehr zuverlässig beschreiben.

Die aktuelle S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der 5q-assoziierten Spinalen Muskelatrophie empfiehlt deshalb eine mehrdimensionale Klassifikation (s. Abb. 1). Sie kombiniert mehrere Informationen, um die Erkrankung genauer zu beschreiben. Dazu gehören: 1

  • der historische SMA-Typ (also der klinische Typ zum Zeitpunkt des Symptombeginns, sofern dieser vor Therapiebeginn lag)
  • die Anzahl der SMN2-Genkopien (ein genetischer Prognosefaktor, der den Schweregrad beeinflussen kann; je mehr Kopien des „Ersatzgens“ SMN2 vorhanden sind, desto mehr funktionales Protein kann gebildet werden)
  • der aktuelle motorische Funktionsstatus

Der motorische Funktionsstatus beschreibt die momentane Bewegungsfähigkeit der Betroffenen und wird in drei Gruppen eingeteilt: 1

  • Non-sitter – kann nicht selbstständig sitzen
  • Sitter – kann selbstständig sitzen, aber nicht frei gehen
  • Walker – kann selbstständig gehen

Durch diese Kombination aus klinischem Verlauf, genetischem Hintergrund und aktueller motorischer Funktion lässt sich die Situation von Menschen mit SMA heute deutlich präziser darstellen. Gerade im Zeitalter wirksamer Therapien ermöglicht diese Klassifikation eine realistischere Einschätzung des Krankheitsverlaufs sowie eine individuellere Behandlung und Betreuung.

Übersicht der mehrdimensionalen Klassifikation der Spinalen Muskelatrophie (SMA) gemäß aktueller S2k-Leitlinie

SMA-Typ Alter bei ErkrankungsbeginnHöchste erreichte Funktion (unbehandelt)Lebenserwartung (unbehandelt)Übliche Anzahl SMN2-Kopien

Typ 0

Neonatale SMA

 Noch im MutterleibSitzen niemals möglich< 6 Monate1

Typ 1

Chronisch infantile SMA, Werdnig-Hoffmann

1a7. bis 30. LebenstagKopfkontrolle niemals möglich< 2 Jahre2
 1b30. Lebenstag bis 6 MonateKopfkontrolle niemals möglich< 2 Jahre2
 1c30. Lebenstag bis 6 MonateKopfkontrolle möglich, Sitzen mit Hilfe manchmal möglich< 2 Jahre2

Typ 2

Chronisch infantile SMA, Intermediäre SMA

 6 bis 18 MonateStehen niemals möglich> 2 Jahre3

Typ 3

Juvenile SMA, Kugelberg-Welander

3aDiagnose vor dem 3. Lebensjahr, > 18 MonateStehen und Laufen (mit Hilfe möglich, ca. die Hälfte der Betroffenen verliert die Gehfähigkeit im Laufe der Erkrankung wieder)Normal3-4

 

 

3bDiagnose nach dem 3. LebensjahrStehen und Laufen (mit Hilfe möglich, ca. die Hälfte der Betroffenen verliert die Gehfähigkeit im Laufe der Erkrankung wieder)Normal3-4
02 Verlaufsunterschiede

Wie unterscheiden sich die Krankheitsverläufe bei SMA?

Die Spinale Muskelatrophie kann sich sehr unterschiedlich entwickeln. Entscheidend für den Verlauf sind unter anderem der Zeitpunkt des Symptombeginns, genetische Faktoren und der Beginn einer Behandlung. 1 Entsprechend reicht das Spektrum von sehr schweren Verlaufsformen im frühen Kindesalter bis hin zu milden Formen, die sich erst im Erwachsenenalter bemerkbar machen.
Die häufigste Form ist SMA Typ 1, sie macht etwa 60 Prozent der neu diagnostizierten Fälle aus. 3 Die Symptome beginnen meist in den ersten Lebensmonaten und betreffen vor allem die Muskelkraft, die Kopfkontrolle sowie das Schlucken und Atmen. Ohne Behandlung erreichen diese Kinder meist kein freies Sitzen 1 . 3
Am anderen Ende des Spektrums steht SMA Typ 4, eine seltene Form, die sich erst im Erwachsenenalter entwickelt und in der Regel deutlich milder verläuft. Die Gehfähigkeit bleibt häufig lange erhalten und die Lebenserwartung ist meist nicht eingeschränkt. 4 Zu beachten ist allerdings, dass nicht alle spät beginnenden Formen eindeutig der 5q-assoziierten SMA zugeordnet werden können. Bei einem Teil der Betroffenen lässt sich keine typische genetische Veränderung in der SMA-Region auf Chromosom 5q nachweisen, sodass die Ursachen dieser sehr spät einsetzenden Formen teilweise noch ungeklärt sind. 5

Eine besonders seltene und schwere Verlaufsform ist SMA Typ 0. Hier zeigen sich erste Anzeichen bereits vor der Geburt im Mutterleib (pränatal). Die Erkrankung verläuft meist sehr schwer und führt häufig schon im frühen Säuglingsalter zu lebensbedrohlichen Komplikationen. 3
Zwischen diesen Ausprägungen liegen weitere Krankheitsformen wie SMA Typ 2 und Typ 3, bei denen die Symptome typischerweise im späteren Säuglings-, Kleinkind- oder Jugendalter beginnen. Je nach Verlauf können Betroffene beispielsweise selbstständig sitzen, teilweise auch gehen, oder verlieren bestimmte motorische Fähigkeiten im Laufe der Zeit 4 wieder 3 . 1
Es gibt jedoch nicht den einen typischen Verlauf der SMA. Die Erkrankung verläuft bei Betroffenen sehr unterschiedlich, und die Übergänge zwischen den verschiedenen SMA-Typen sind fließend. Daher ist eine Vorhersage des Krankheitsverlaufs (Prognose) nur eingeschränkt möglich, und die Behandlung wird nicht anhand des SMA-Typs festgelegt, sondern an den individuellen Funktionsstatus und die Symptome angepasst. 6

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Gut zu wissen: Woher kommen die Namen einiger SMA-Typen?

Einige Bezeichnungen der Spinalen Muskelatrophie gehen auf Ärztinnen und Ärzte zurück, die bestimmte Verlaufsformen der Erkrankung erstmals wissenschaftlich charakterisiert haben.

So wird SMA Typ 1 auch Werdnig-Hoffmann-Erkrankung genannt. Der Name geht auf den österreichischen Arzt Guido Werdnig und den deutschen Neurologen Johann Hoffmann zurück, die Ende des 19. Jahrhunderts diese schwere Form der Erkrankung erstmals dokumentierten. 1

SMA Typ 3 wird auch Kugelberg-Welander-Erkrankung genannt. Diese Form wurde nach den schwedischen Neurologen Eric Kugelberg und der Neurologin Lisa Welander benannt, die sie in den 1950er-Jahren genauer beschrieben.

03 Betroffene Muskeln

Welche Muskeln sind betroffen und was passiert bei SMA im Körper?

SMA kann die meisten Muskeln im Körper betreffen, allerdings beeinträchtigt sie unterschiedliche Muskelgruppen unterschiedlich stark. Normalerweise ist die Muskelschwäche symmetrisch. Das bedeutet, dass beide Körperseiten gleich stark betroffen sind. Die rumpfnahen (proximalen) Muskeln werden dabei stärker beeinträchtigt als die rumpffernen (distalen) Muskeln. Zu den rumpfnahen Muskeln zählen die Hüft-, Rücken- und Schultermuskulatur. Zudem sind die Beine meist stärker vom Muskelschwund betroffen als die Arme. Auch die Kau-, Schluck- und Atemmuskulatur können beeinträchtigt sein und erschweren so lebenswichtige Funktionen wie Atmen und Nahrungsaufnahme 4 . 7
Da bei SMA der Verlust der Motoneurone ohne Behandlung stetig fortschreiten würde, würde auch die Muskelkraft mit der Zeit immer weiter abnehmen. Das kann bei schweren Verlaufsformen wie Typ 0, 1 und 2 rasch, bei leichteren auch langsam passieren. Unabhängig vom schleichenden Absterben der Motoneurone können bereits erreichte motorische Fähigkeiten auch verloren gehen, z. B. wenn im Rahmen eines Wachstumsschubs mehr Muskelkraft für die Bewegungen erforderlich wird. 4
Doch dank des Neugeborenen-Screenings und der mittlerweile verfügbaren Therapieoptionen hat sich die Realität für Betroffene heute grundlegend verändert. Durch die frühzeitige Diagnose und Therapie kann der stetige Verlust der Motoneuronen meist frühzeitig gebremst oder gestoppt werden. Das Ziel der modernen Medizin ist es, den natürlichen Verlauf zu durchbrechen, bestehende Funktionen zu sichern und – besonders bei frühem Therapiestart – neue motorische Meilensteine zu ermöglichen. 1

04 Multiorgan-Erkrankung

Warum ist die Spinale Muskelatrophie eine Multiorgan-Erkrankung?

SMA betrifft nicht nur Muskeln und somit die Mobilität, sondern hat auch Auswirkungen auf andere Bereiche des Körpers. Denn das SMN-Protein wird im ganzen Körper (ubiquitär) hergestellt und ist überall in grundlegenden Zellfunktionen involviert. Zwar ist das Protein für die Motoneurone überlebenswichtig, doch beeinträchtigt ein SMN-Proteinmangel auch andere an der Muskelfunktion beteiligte Zellen. Bei den schweren Verläufen der SMA (Typ 0, 1 und 2) kann die reduzierte SMN-Proteinmenge auch Gewebe und Organe negativ beeinflussen. 8-11 Die Kognition ist im Gegensatz zu vielen anderen Erbkrankheiten jedoch nicht beeinträchtigt. 12-15

Unabhängig vom SMA-Typ erfordert die Komplexität der Erkrankung daher immer einen interdisziplinären Behandlungsansatz. Für die optimale Versorgung steht Betroffenen ein Team aus Expertinnen und Experten verschiedener Fachrichtungen zur Verfügung (z. B. Neurologie/ Neuropädiatrie, Orthopädie, Physiotherapie oder Pneumologie). Die moderne Behandlung ist dabei eine Kombination aus medikamentöser Therapie und unterstützenden, nicht-medikamentösen Maßnahmen, die individuell auf den Funktionsstatus des Patienten abgestimmt werden. 

Bildquelle: © solidcolours / Getty Images

05 FAQ

Häufig gestellte Fragen

1. Was ist SMA und was passiert dabei im Körper?

Die Spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine genetisch bedingte Erkrankung, bei der Motoneuronen im Rückenmark nach und nach zugrunde gehen. Diese Nervenzellen steuern die Muskeln. Wenn sie ausfallen, verlieren die Muskeln an Kraft und bauen sich mit der Zeit ab. Dadurch entstehen typische Symptome wie Muskelschwäche, eingeschränkte Beweglichkeit oder Probleme beim Schlucken und Atmen.

2. Welche SMA-Typen gibt es?

Klassisch werden fünf Formen unterschieden: SMA Typ 0, 1, 2, 3 und 4. Sie unterscheiden sich vor allem durch den Zeitpunkt des Symptombeginns und die motorischen Fähigkeiten der Betroffenen. Typ 1 ist die häufigste Form, während Typ 4 erst im Erwachsenenalter auftritt und meist milder verläuft.

3. Kann sich der Krankheitsverlauf bei SMA unterscheiden?

Der Verlauf der SMA kann sehr unterschiedlich sein. Er hängt unter anderem von genetischen Faktoren, dem Zeitpunkt der Diagnose und dem Beginn einer Behandlung ab. Manche Menschen verlieren motorische Fähigkeiten schneller, während andere lange Zeit relativ stabil bleiben.

4. Welche Muskeln sind bei SMA betroffen?

Bei SMA sind vor allem rumpfnahe Muskeln betroffen, z. B. in Hüfte, Schultern und Rücken. Die Muskelschwäche ist meist auf beiden Körperseiten ähnlich stark ausgeprägt. Häufig sind die Beine stärker betroffen als die Arme. Bei schweren Verlaufsformen können außerdem die Atem- und Schluckmuskulatur beeinträchtigt sein.

5. Betrifft die Spinale Muskelatrophie nur die Muskeln?

Obwohl die Muskelschwäche das auffälligste Symptom ist, betrifft SMA den gesamten Körper. Der zugrunde liegende Mangel an SMN-Protein kann auch andere Gewebe und Organsysteme beeinflussen. Deshalb wird SMA heute als Multiorgan-Erkrankung betrachtet und interdisziplinär behandelt.

Quellenverzeichnis

  1. S2k-Leitlinie: Gesellschaft für Neuropädiatrie. Diagnostik und Therapie der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie im Kindes- und Erwachsenenalter. Stand 12/2024 

  2. Nishio H et al. Spinal Muscular Atrophy: The Past, Present, and Future of Diagnosis and Treatment. Int J Mol Sci. 2023; 24(15):11939

  3. Verhaart IEC et al. Prevalence, incidence and carrier frequency of 5q–linked spinal muscular atrophy – a literature review. Orphanet J Rare Dis 2017; 12:124

  4. Spinale Muskelatrophie. Broschüre der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e. V. (Stand: 10/2023)

  5. Nishio H et al. Clinical and Genetic Profiles of 5q- and Non-5q-Spinal Muscular Atrophy Diseases in Pediatric Patients. Genes (Basel). 2024; 15(10):1294

  6. Day JW et al. Advances and limitations for the treatment of spinal muscular atrophy. BMC Pediatr. 2022; 22(1):632

  7. Spinale Muskelatrophie – Diagnosestellung und Behandlung bei SMA Patienten. Treat NMD Neuromuscular Network

  8. Martinez TL et al. Survival Motor Neuron Protein in Motor Neurons Determines Synaptic Integrity in Spinal Muscular Atrophy. J Neurosci 2012; 32(25):8703–8715

  9. Sumner CJ und Crawford TO. Two breakthrough gene-targeted treatments for spinal muscular atrophy: challenges remain. J Clin Invest 2018; 128:3219–3227

  10. Kitaoka H, et al. Case of spinal muscular atrophy type 0 with mild prognosis. Pediatr Int 2020; 62:106–107

  11. Rudnik-Schoneborn S, et al. Digital necroses and vascular thrombosis in severe spinal muscular atrophy. Muscle Nerve 2010; 42:144–147

  12. Nash LA, et al. Spinal Muscular Atrophy: More than a Disease of Motor Neurons? Curr Mol Med 2016; 16:779–792

  13. Hamilton G, Gillingwater TH. Spinal muscular atrophy: going beyond the motor neuron. Trends Mol Med 2013; 19:40–50

  14. Chaytow H, et al. The role of survival motor neuron protein (SMN) in protein homeostasis. Cell Mol Life Sci 2018; 75:3877–3894

  15. Lauria F et al. SMN-primed ribosomes modulate the translation of transcripts related to spinal muscular atrophy. Nat Cell Biol. 2020; 22(10):1239–1251