Die wichtigsten Fragen auf einen Blick
Alle wichtigen Anlaufstellen, Adressen und Informationen findest Du hier kompakt zusammengestellt. Genau zugeschnitten für neudiagnostizierte Familien.
Bei Eurem Kind wurde durch das Neugeborenen-Screening die genetische Erkrankung Spinale Muskelatrophie (SMA) diagnostiziert. Vermutlich empfindet Ihr eine Flut an Gefühlen: Schock, Ratlosigkeit oder Überforderung können Euch überwältigen. Das ist vollkommen verständlich. Das Wichtigste, was Ihr jetzt wissen müsst: Ihr seid nicht allein. Und: Es gibt heute wirksame Behandlungsmöglichkeiten.
Zwei Dinge sind jetzt entscheidend:
Die Behandlung sollte so schnell wie möglich begonnen werden, idealerweise ab dem ersten Lebenstag, um den Schutz der wichtigen Nervenzellen (Motoneuronen) sofort zu starten.
Die Forschung hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Es stehen heute verschiedene Behandlungswege zur Verfügung.
SMA ist seit dem 1. Oktober 2021 Teil des Neugeborenen-Screenings in Deutschland. Bei Betroffenen, die davor geboren wurden, konnte es oftmals lange dauern, bis klar war, woran ein Kind erkrankt ist. Dabei ist ein früher Therapiebeginn wichtig, um SMA zu behandeln, bevor erste Symptome auftreten und Eurem Kind eine bessere motorische Entwicklung und damit ein möglichst selbstständiges Leben zu ermöglichen.
Bei SMA erhalten die Nervenzellen, die unsere Muskeln steuern (die sogenannten Motoneuronen), nicht genug von einem bestimmten Eiweiß, das sie dringend brauchen, um zu überleben. Dieses Eiweiß heißt SMN-Protein.
Der Grund dafür ist, dass ein Gen (SMN1), das normalerweise dafür sorgt, dass dieses wichtige Protein gebildet wird, verändert ist (Mutation). Ohne genügend SMN-Protein werden die Motoneuronen nach und nach schwächer und können absterben. Dadurch kommen die Signale aus dem Gehirn nicht mehr richtig in den Muskeln an – und genau das führt zu den typischen SMA-Symptomen wie Muskelschwäche.1-3
Es gibt aber noch ein zweites Gen, das SMN-Protein herstellen kann: SMN2. Dieses Gen arbeitet allerdings weniger effektiv, es liefert deshalb nur eine geringe Menge des benötigten Proteins. Manche Menschen haben mehr, andere weniger Kopien dieses SMN2-Gens. Je mehr SMN2-Kopien vorhanden sind, desto stärker kann der Körper den Protein-Mangel ausgleichen – und desto milder kann die Erkrankung verlaufen.2,4-7
Die Behandlung von SMA hat das Ziel, die Motoneuronen zu schützen und ihr Absterben möglichst zu verhindern oder zu verlangsamen. Sind die Nervenzellen einmal verloren, können sie nicht wiederhergestellt werden. Deshalb ist es so wichtig, sofort mit einer Therapie zu beginnen. Jeder Tag zählt.
Früher gab es nur die Möglichkeit, die Symptome zu lindern. Heute zielen moderne Therapien darauf ab, den Verlauf der SMA fundamental zu verändern.
Wichtig ist zu verstehen, dass es zwei unterschiedliche Behandlungsprinzipien gibt, um SMA entgegenzuwirken:
Gentherapie: Dieser Ansatz zielt darauf ab, durch eine einmalige Gabe als Infusion eine funktionierende Kopie eines SMN1-Gens bereitzustellen. Sie kommt für Betroffene mit bis zu drei SMN2-Kopien infrage.8
Spleiß-Modifikatoren: Diese werden kontinuierlich (lebenslang) gegeben, um den Körper dabei zu unterstützen, mithilfe des SMN2-Gens mehr von dem wichtigen SMN-Protein selbst zu bilden. Es gibt zurzeit zwei Therapieansätze mit folgenden Verabreichungsmöglichkeiten:
- Tägliche Einnahme (z. B. als Saft, bei höherem Gewicht später auch als Tablette)9
- Verabreichung alle paar Monate (durch eine Injektion in das Nervenwasser (Liquor) um das Rückenmark)10
Ihr seid bei der Therapieentscheidung für Euer Kind nicht allein: Gemeinsam mit Eurem Behandlungsteam betrachtet Ihr Eure individuelle Situation sowie die Behandlungsoptionen – und gemeinsam werdet Ihr die richtige Entscheidung für Euer Kind treffen.
Bei der Gentherapie gelangt mit Hilfe eines ungefährlichen Transport-Virus ein funktionsfähiges SMN1-Gen in den Körper. Dadurch wird wieder genügend SMN-Protein hergestellt und das Überleben der Motoneuronen gesichert.8
Die Gentherapie kann sofort nach Diagnose durch das Neugeborenen-Screening angewandt werden. Wie lange die Wirkung der Gentherapie anhält, ist noch nicht bekannt.
Spleiß-Modifikatoren setzen beim SMN2-Gen an. Sie ermöglichen, dass mehr funktionsfähiges SMN-Protein hergestellt wird – auch ohne das SMN1-Gen. Spleiß-Modifikatoren beheben also nicht wie die Gentherapie den genetischen Defekt selbst, sondern erhöhen die körpereigene Produktion des SMN-Proteins durch das SMN2-Gen.
Spleiß-Modifikatoren haben nur eine zeitlich begrenzte Wirkung, weswegen sie in regelmäßigen Abständen erneut angewendet werden müssen.
Wird frühzeitig mit der Therapie begonnen, können beide Medikamente das Absterben der Motoneuronen stoppen und somit den Muskelabbau verhindern. Beide Spleiß-Modifikatoren können ab der Geburt bis ins Erwachsenenalter angewendet werden.9,10
Eine Entscheidung für eine Therapie ist eine wichtige Entscheidung, denn sie ist oft der Beginn einer längerfristigen Behandlungsstrategie. Ziel ist es, eine Therapie zu finden, die Eurem Kind von Anfang an einen umfassenden Schutz bietet und sich über Jahre hinweg als wirksame und sichere Behandlung im Alltag bewährt.
Es geht darum, eine stabile Basis für die kontinuierliche Entwicklung Eures Kindes zu schaffen. Regelmäßige Gespräche mit dem Behandlungsteam sind dabei wichtig, um den positiven Verlauf zu begleiten und sicherzustellen, dass die gewählte Therapie auch langfristig die bestmögliche Versorgung für Euer Kind gewährleistet – heute und in Zukunft.
Es ist Euer Recht, Zeit für eine gemeinsame Entscheidungsfindung einzufordern und dabei alle Fragen zu stellen, die Euch beschäftigen. Das nennt man „Shared Decision Making (SDM)”. Der Austausch auf Augenhöhe mit Eurem Behandlungsteam ist dabei essenziell. Es gibt einige gute Fragen, um sich auf das Gespräch mit dem Behandlungsteam vorzubereiten:
Wichtige Fragen für Euren Arztbesuch:
Was sind die Vor- und Nachteile der Gentherapie im Vergleich zu einem dauerhaften Behandlungsansatz für unser Kind?
Wenn wir über eine dauerhafte Therapie nachdenken: Was bedeutet die tägliche Einnahme (Saft/Tablette) für unseren Alltag im Vergleich zur Gabe alle paar Monate?
Was ist über die Langzeit-Wirkung der verschiedenen Ansätze bekannt? Was passiert, wenn die Wirkung einer einmaligen Therapie über die Jahre nachlässt? Kann man dann wechseln?
Gibt es Gründe, warum eine tägliche/dauerhafte Therapie oder eine einmalige Therapie für unser Kind besser geeignet sein könnte?
Wie schnell können wir mit der jeweiligen Behandlung starten?
Auch wenn sich jetzt vielleicht alles noch überwältigend anfühlt: Die folgenden nächsten Schritte geben Euch Halt und Orientierung auf dem Weg, der nun vor Euch liegt.
Eure Ärztin oder Euer Arzt wird Euch an ein spezialisiertes Zentrum überweisen. Diese Zentren sind speziell auf die Diagnose und Behandlung von SMA geschult und können schnell handeln. Nehmt diesen Termin unbedingt wahr.
Wir haben die wichtigsten ersten Informationen für Euch in einer Broschüre zusammengestellt. Ihr könnt sie in Ruhe lesen, Wichtiges markieren und auch als Unterstützung für das Gespräch mit dem Behandlungsteam nutzen.
Ihr müsst diesen Weg nicht allein gehen. Organisationen wie die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke (DGM) e. V. bieten wertvolle Informationen und Beratung. Erkundigt Euch im SMA-Zentrum auch aktiv nach Möglichkeiten zu psychosozialer Beratung.
Die Diagnose SMA ist ein Schock. Erlaubt Euch zu fühlen, was Ihr fühlt, und sucht Euch Unterstützung im Freundes- oder Familienkreis. Auch die Vernetzung mit anderen betroffenen Familien kann unglaublich wertvoll sein, wenn Ihr Euch bereit dafür fühlt. Wie es z. B. unserem Blogger Boris und seiner Familie nach der Diagnose ergangen ist, erfahrt Ihr in seinem Beitrag.
Inhaltlich geprüft am 15.12.2025: M-DE-00028771