Die wichtigsten Fragen auf einen Blick
Alle wichtigen Anlaufstellen, Adressen und Informationen findest Du hier kompakt zusammengestellt. Genau zugeschnitten für neudiagnostizierte Familien.
Im täglichen Leben mit SMA geht es um das Dranbleiben. Um die vielen kleinen Entscheidungen, die Struktur geben. Um Wege, die angepasst werden müssen. Um Tage, die leicht sind, und solche, die mehr Kraft kosten. Every Day Unstoppable beschreibt genau diese Realität: den eigenen Alltag aktiv und selbstbestimmt in die Hand nehmen – Tag für Tag. Doch was bedeutet „Unstoppable“ aus medizinischer Sicht?
Prof. Dr. Gilbert Wunderlich ist Neurologe und Oberarzt an der Uniklinik Köln mit dem Schwerpunkt neuromuskuläre Erkrankungen. In seiner Arbeit verbindet er medizinische Expertise mit einem klaren Blick auf die Lebensrealität und Alltagsbedürfnisse von Menschen mit SMA.
Im Interview ordnet der Neurologe Prof. Dr. Gilbert Wunderlich das Motto Every Day Unstoppable aus ärztlicher Perspektive ein, spricht darüber, warum Stabilität, klare Ziele und der kontinuierliche Dialog entscheidend sind und weshalb der Alltag ein wichtiger Maßstab in der Behandlung erwachsener SMA-Patientinnen und -Patienten ist.
Für Prof. Wunderlich, der seit vielen Jahren Erwachsene mit spinaler Muskelatrophie behandelt, bedeutet Every Day Unstoppable vor allem eines: eine treffende Beschreibung dessen, was er im Kontakt mit seinen Patientinnen und Patienten täglich erlebt. Keinen Ausnahmezustand, sondern einen kontinuierlichen Alltag, in dem Stabilität, Teilhabe und Lebensqualität im Mittelpunkt stehen.
Unstoppable meint dabei nicht das Ignorieren von Einschränkungen. Vielmehr geht es um die Art und Weise, wie Menschen mit SMA ihren Alltag gestalten: aktiv, vorausschauend, gut organisiert und häufig eng vernetzt. „Ich bin immer wieder beeindruckt“, sagt Prof. Wunderlich. Trotz teils erheblicher Mobilitätseinschränkungen sind viele Menschen mit SMA hochengagiert – beruflich, gesellschaftlich und im Austausch untereinander. Diese kontinuierliche Aktivität, dieses Dranbleiben ist es, was Unstoppable im medizinischen Alltag wirklich bedeutet.
Unstoppable passt sehr gut zu von SMA Betroffenen, wenn man sich einfach anschaut, wie aktiv diese sind.
Erwachsene mit SMA führen kein Leben im Wartemodus. Im Gegenteil: Viele organisieren ihren Alltag mit großer Sorgfalt, planen Wege, Termine und ihren persönlichen Unterstützungsbedarf vorausschauend und schaffen sich stabile Strukturen. Ihre Stärke zeigt sich weniger in spektakulären Momenten als in der täglichen Umsetzung.
Genau diese Lebensrealität ist entscheidend für das Verständnis der Erkrankung im Erwachsenenalter. Die Patientinnen und Patienten wissen sehr genau, was ihre Einschränkungen sind – und ebenso genau, welche Möglichkeiten sie haben. Sie sind oft bestens informiert, untereinander vernetzt und aktiv daran beteiligt, Therapieentscheidungen mitzutragen. Diese Kompetenz und Eigenverantwortung prägen auch die Zusammenarbeit mit dem Behandlungsteam.
Ein zentraler Punkt in der Behandlung erwachsener SMA-Patientinnen und -Patienten ist die klare Definition realistischer Therapieziele. Prof. Wunderlich betont, wie wichtig es ist, diese Ziele von Beginn an offen zu besprechen: „Was können wir wirklich erreichen?“ Denn die Möglichkeiten im Erwachsenenalter unterscheiden sich deutlich von denen im Kindesalter.
Im Fokus stehen heute vor allem die Stabilisierung des Krankheitsverlaufs, der Erhalt vorhandener Fähigkeiten, die Verbesserung von Ausdauer und die Verlangsamung eines weiteren Fortschreitens. Die Umkehr eines bereits eingetretenen Funktionsverlustes ist in der Regel nicht realistisch. Diese Einordnung schafft Orientierung – und wird von den meisten Patientinnen und Patienten sehr bewusst und realistisch mitgetragen. Viele bringen bereits ein klares Verständnis dafür mit, was medizinisch möglich ist und was nicht.
Ob eine Therapie wirkt, lässt sich nicht allein an klinischen Messwerten festmachen. Entscheidend ist, wie sie sich im Alltag auswirkt. Spüren die Patientinnen und Patienten Stabilität? Reicht die Energie für den gesamten Tag? Bleibt die Selbstständigkeit erhalten? Ist soziale Teilhabe möglich?
Genau diese Fragen sind der eigentliche Maßstab für Therapieerfolg. Der Alltag zeigt, ob eine Behandlung trägt – nicht nur in Zahlen, sondern im Leben selbst. Diese Perspektive rückt die individuellen Erfahrungen der Betroffenen in den Mittelpunkt und macht Therapie greifbar.
„Der Wunsch nach mehr ist verständlich“, so Prof. Wunderlich. Angesichts der Einschränkungen, die SMA mit sich bringt, hoffen viele Patientinnen und Patienten auf weitere Verbesserungen. Im Arzt-/Patientengespräch geht es deshalb darum, diese Wünsche ernst zu nehmen und gleichzeitig realistisch einzuordnen.
Gemeinsam wird betrachtet, wo die Therapie begonnen hat, welche Effekte erzielt wurden und wo ihre Grenzen liegen. Dabei öffnet sich der Blick oft über die medikamentöse Behandlung hinaus. Denn nicht alles, was den Alltag erleichtert, liegt allein im Wirkbereich der medikamentösen Therapie.
Die Pharmakotherapie ist ein wichtiger Baustein, aber nicht der einzige. Physiotherapie, Logopädie, Schlucktherapie und andere symptomatische Maßnahmen spielen eine zentrale Rolle, um Alltagsfähigkeiten zu erhalten und Kompensationsmöglichkeiten zu nutzen.
Auch organisatorische Fragen gehören dazu: Passt die Applikationsform des Medikaments noch zur aktuellen Lebenssituation? Wird sie als belastend empfunden? Ist der Aufwand tragbar? Solche Aspekte fließen in die gemeinsame Entscheidungsfindung ein und tragen dazu bei, die Therapie langfristig sinnvoll und akzeptabel zu gestalten.
Wenn Betroffene nicht mehr damit einverstanden sind, dass regelmäßig Lumbalpunktionen stattfinden, gibt es Alternativen der oralen Therapie.
Every Day Unstoppable bedeutet aus medizinischer Sicht vor allem eines: im Gespräch bleiben. Die Möglichkeiten der Therapie im Erwachsenenalter sind begrenzt, aber sie sind da. Entscheidend ist, sie realistisch zu nutzen, den Alltag konsequent zum Maßstab zu machen und die Versorgung ganzheitlich zu denken.
Prof. Wunderlich formuliert es mit großer Wertschätzung für seine Patientinnen und Patienten: „Ich tue mich schwer, Betroffenen etwas zu raten, wenn sie eigentlich dadurch auffallen, dass sie in hervorragender Art und Weise mit ihrer Erkrankung umgehen.“ Vielmehr gehe es darum, gemeinsam im Dialog zu bleiben, Erwartungen ehrlich einzuordnen und die vorhandenen therapeutischen Optionen bestmöglich auszuschöpfen. Unstoppable zeigt sich dann nicht als Ausnahme, sondern als tägliche, gelebte Realität.
Prof. Wunderlich betont: „Ich empfinde große Bewunderung für die Betroffenen.“
Wenn Du selbst kleine oder große Momente erlebst, in denen Du unstoppable bist, teile sie gern mit der Community. Denn genau hier, im gelebten Alltag, zeigt sich, was wirklich zählt.
Inhaltlich geprüft am 24.03.2026: M-DE-00030067