Die wichtigsten Fragen auf einen Blick

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Diagnose SMA – Warum ist ein schneller Therapiestart entscheidend?

Ist die Diagnose Spinale Muskelatrophie, kurz SMA, einmal gestellt, ist es einerseits sehr wichtig, schnell zu (be)handeln. Denn nur so kann der Verlust von Motoneuronen so gering wie möglich gehalten werden. Andererseits braucht Ihr natürlich auch etwas Zeit, um die Diagnose und Informationen zu möglichen Therapien zu verarbeiten und eine Entscheidung zu treffen. Hier erfährst Du alles Wichtige zu den derzeitigen SMA-Therapieoptionen und warum es wichtig ist, dass bei Deinem Baby sofort mit einer medikamentösen Therapie gestartet werden sollte.

Bei Deinem Kind wurde durch das Neugeborenen-Screening die Erkrankung Spinale Muskelatrophie (SMA) diagnostiziert. Vermutlich empfindest Du eine Flut an Gefühlen: Schock, Ratlosigkeit oder Überforderung überwältigen Dich und Du fühlst Dich nicht im Stande, sofort eine gut fundierte Entscheidung zu treffen. Das ist vollkommen verständlich. Trotzdem ist es wichtig, möglichst schnell zu handeln und mit einer SMA-Therapie zu beginnen – auch wenn die finale Therapieentscheidung nicht sofort nach der Geburt bzw. Diagnose fallen muss. 

Warum ist eine schnelle Therapie wichtig?

Bei SMA fehlt das für die Motoneuronen wichtige SMN-Protein. Grund dafür ist eine genetische Veränderung in den SMN1-Genen: Sie sind entweder defekt oder fehlen. Das hat zur Folge, dass nicht genügend SMN-Protein hergestellt werden kann. Da Motoneuronen das SMN-Protein zum Überleben benötigen, verkümmern sie bei SMA oder sterben ab. Weil die Motoneuronen für die Signalweiterleitung vom Gehirn zu den Muskeln zuständig sind, kommt es ohne sie zu den typischen SMA-Symptomen.1-3 

Neben dem SMN1-Gen haben Menschen auch eine zweite Variante dieses Gens: das SMN2-Gen. Im Gegensatz zum SMN1-Gen produziert das SMN2-Gen jedoch weniger funktionsfähiges SMN-Protein. Denn bei ihm wird während der Proteinherstellung – im sogenannten Spleiß-Vorgang – eine für die korrekte Proteinfunktion wichtige Information entfernt. Menschen können jedoch bis zu acht Kopien des SMN2-Gens haben. Daher kommen auch die unterschiedlichen Ausprägungen im Krankheitsbild der SMA: Je mehr SMN2-Kopien vorhanden sind, desto mehr funktionsfähiges SMN-Protein kann noch hergestellt werden und desto geringer ist die Auswirkung auf die Motoneurone.2,4-7

Ziel einer SMA-Therapie ist es, das Absterben der Motoneurone zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen. Mehr Informationen zu medikamentösen Behandlungsoptionen bei SMA findest Du hier. Deshalb gilt: Je früher mit der Therapie begonnen wird, desto besser! Hierbei gibt es zurzeit zwei medikamentöse Ansätze, um Dein Kind zu behandeln und dem SMN-Proteinmangel entgegenzuwirken und somit seine Auswirkungen zu reduzieren:

  • die Gentherapie
  • die Therapie mit Spleiß-Modifikatoren

Wie sie funktionieren, dass erklären wir Dir hier noch einmal kurz.

Wie wirkt die SMA-Gentherapie?

Die Gentherapie zielt darauf ab, dass genügend SMN-Protein durch das SMN1-Gen hergestellt werden kann. Dafür wird mithilfe eines veränderten und ungefährlichen Virus ein fehlerfreies SMN1-Gen in den Körper eingeschleust. Dieses sorgt dafür, dass wieder genügend funktionsfähiges SMN-Protein produziert wird. Das sichert das Überleben der Motoneuronen.8

Diese Therapie 

 

• wird einmalig intravenös verabreicht 

• kommt für Betroffene mit bis zu drei SMN2-Kopien infrage

 

Wie lange die Wirkung der Gentherapie anhält, ist noch nicht bekannt. Nach der Behandlung ist eine engmaschige Nachsorge wichtig, da es zu Entzündungen verschiedener Organe, erhöhten Leberwerten und Erbrechen kommen kann.8

Die Gentherapie kann sofort nach Diagnose durch das Neugeborenen-Screening angewandt werden. Doch wenn Du erst ein wenig Bedenkzeit benötigst, ist auch eine spätere Gabe möglich. Trotzdem solltest Du diese Entscheidung nicht zu lange hinauszögern, denn auch die Gentherapie kann nur ein weiteres Absterben der Motoneurone verhindern. Das bedeutet, dass zu dem Zeitpunkt der Therapie bereits eingetretene Verluste durch die Therapie nicht wieder rückgängig gemacht werden können. Damit das nicht passiert, kann man die Zeit bis zur Infusion der Gentherapie auch mit einer Therapie mit Spleiß-Modifikatoren überbrücken. Besprich dies am besten mit dem Behandlungsteam Deines Kindes.

Wie wirken Spleiß-Modifikatoren?

Spleiß-Modifikatoren setzen beim SMN2-Gen an. Sie verhindern, dass während der Proteinherstellung die wichtige Information für ein funktionierendes SMN-Protein aus dem SMN2-Gen entfernt werden. So ermöglichen sie, dass mehr funktionsfähiges SMN-Protein hergestellt wird – auch ohne das SMN1-Gen. Sie beheben also nicht wie die Gentherapie den genetischen Defekt selbst, sondern erhöhen die körpereigene Produktion des SMN-Proteins durch das SMN2-Gen.

Spleiß-Modifikatoren haben nur eine zeitlich begrenzte Wirkung, weswegen sie in regelmäßigen Abständen erneut angewendet werden müssen. Sie werden wie folgt verabreicht:

 

•  Täglich zu Hause als Saft – falls es schwierig ist, den Saft zu geben, ist es auch möglich, ihn mittels einer Ernährungssonde zu verabreichen9

•  Alle 4 Monate in einer Klinik, intrathekal mittels einer Lumbalpunktion in den Hirnwasserraum am Rückenmark10

 

Je nachdem welches Medikament gegeben wird, können verschiedene Nebenwirkungen auftreten. Diese sind im Allgemeinen für Spleiß-Modifikatoren bekannt: Kopfschmerzen, Fieber, Ausschlag und Durchfall9 sowie Kopfschmerzen, Erbrechen und Rückenschmerzen.10 Besprich mit dem Behandlungsteam, welche Nebenwirkungen bei welchem Medikament am häufigsten auftreten.

Wird frühzeitig mit der Therapie begonnen, können beide Medikamente das Absterben der Motoneurone stoppen und somit den Muskelabbau verhindern. Beide Spleiß-Modifikatoren können ab der Geburt bis ins Erwachsenenalter angewendet werden.9,10

Welche Therapie ist die richtige für Dein Kind?

Eine Entscheidung für eine Therapie ist eine wichtige Entscheidung: Ihr werdet vorab viele Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten führen und eventuell den Austausch mit anderen betroffenen Eltern suchen, die ihre Erfahrungen teilen. Vor- und Nachteile müssen abgewogen und die individuelle Situation Deines Kindes sowie Eures Alltags berücksichtigt werden. Das kann alles einiges an Zeit in Anspruch nehmen. Zeit, die Dir zusteht, aber auch wertvolle Zeit, in der nicht nichts getan werden sollte.

Egal, ob die Entscheidung später zugunsten für eine Gentherapie ausfällt oder es bei einem Spleiß-Modifikator bleibt: Die Zeit bis zur Entscheidung sollte mit einem Spleiß-Modifikator überbrückt werden. Beide Medikamente können direkt nach der Diagnose eingesetzt werden.9,10 Sie verhindern, dass die Motoneuronen in der Zeit des Überlegens bereits Schaden nehmen, und geben somit genug Zeit, sich ausführlich über alle Therapieoptionen zu informieren und dann eine wohlüberlegte, langfristige Entscheidung zu treffen.

 

Inhaltlich geprüft: M-DE-00020756

Quellenverzeichnis
  1. Darras BT. Non-5q spinal muscular atrophies: the alphanumeric soup thickens. Neurology 2011; 77:312-314.
  2. Wirth B et al. An update of the mutation spectrum of the survival motor neuron gene (SMN1) in autosomal recessive spinal muscular atrophy (SMA). Hum Mutat 2000; 15(3):228-237.
  3. Hamilton G, Gillingwater TH. Spinal muscular atrophy: going beyond the motor neuron. Trends Mol Med 2013; 19:40-50.
  4. Mercuri E et al. Diagnosis and management of spinal muscular atrophy: Part 1: Recommendations for diagnosis, rehabilitation, orthopedic and nutritional care. Neuromuscular Disord 2018; 28:103–115.
  5. Butchbach MER. Copy Number Variations in the Survival Motor Neuron Genes: Implications for Spinal Muscular Atrophy and Other Neurodegenerative Diseases. Front Mol Biosci. 2016; 3:7.
  6. Feldkotter M et al. Quantitative Analyses of SMN1 and SMN2 Based on Real-Time LightCycler PCR: Fast and Highly Reliable Carrier Testing and Prediction of Severity of Spinal Muscular Atrophy. Am J Hum Genet 2001; 70: 358–368.
  7. Crawford T et al. Evaluation of SMN Protein, Transcript, and Copy Number in the Biomarkers for Spinal Muscular Atrophy (BforSMA) Clinical Study. PLoS 2012; 7:e33572.
  8. Fachinformation Onasemnogen-Abeparvovec, Dezember 2023, V006
  9. Fachinformation Risdiplam, Februar 2024
  10. Fachinformation Nusinersen, August 2023